Mut.Anfälle.New York

New York war meine Chance. In Amerika, hiess es, seien die Ärzte weiter, besser, spezialisierter, wagemu­tiger; da gebe es eine Klinik mit einer eigens für meine Krankheit eingerichteten Abteilung. Dabei hatte ich gedacht, meine Krankheit sei einzigartig.

Ist das, womit ich geschlagen bin, überhaupt eine Krankheit? Ist es nicht vielmehr ein übler Scherz? Nie­mand weiss Bescheid, geschweige denn ein Mittel dage­gen. Ein Leiden? Tatsächlich gibt es dabei nichts zu lei­den; es erzeugt hingegen Widerstände im Umgang mit Menschen. Es ist hässlicher als Psoriasis, nicht so schlimm wie Lepra, aber hartnäckiger als Scharlach, harmloser als Kaposi Sarkome und weniger juckend als die Krätze, doch vor allem ist es seltener. Ein Handi­cap? New York war meine Chance. Ich besass Adressen von Bekannten in der Schweiz und suchte Kapazitäten und Koryphäen auf; ich Hess mich im University Medical Center und im Mount Sinai Hospital untersuchen, foto­grafieren, filmen und bei Chef-Visiten begaffen und be­tasten. Niemand konnte helfen. Man setzte mich auf die Strasse, und ich hatte nicht viel mehr in der Tasche als ein Flugticket nach Hause. Ich zerriss es. Ich beschloss, mich umzubringen. Ich hatte es satt, mich mit üblen Scherzen auseinanderzusetzen, und ich sagte mir: wenn man mich, so wie ich bin, nicht will, dann verschwinde ich eben.

Wenn unvermutet kleine Pünktchen auf der Haut erscheinen, die mit der Langsamkeit von Bäumen, aber auch ebenso unaufhaltsam, zu unheimlichen Ge­bilden anwachsen, und wenn bei der kleinsten Verlet­zung dieser Dinger die Blutgefässe sich nicht regen­wurmartig schnell zusammenziehen, sondern sich nur langsam schliessen, und es furchterregend aus mir her­austropft, herausfliesst oder in mich hineinströmt... Ich wollte nicht mehr. Ich wollte die jahrelange Geduld zu­sammenraffen und umkehren in Zorn.

Ich wollte töten und zwar mich. Aber wie sich herausstellte, war ich nicht der Typ dazu. Hand-an-mich-legen erwies sich als schwierig. Ich schreckte vor jeder Tötungsart zurück. Am entschiedensten war ich gegen das Erhängen. Eine bau­melnde Leiche schien mir etwas puppenhaft Lächerli­ches, und ich wollte nach meinem Tod keinen lächerli­chen Eindruck machen. Nicht auch noch dann! Über­dies befürchtete ich, dass mir, als manuell Unbegabtem, der Knoten misslingen könnte. Ich versuchte es mit Tür­men und Brücken, dem Clock Tower, der Brooklyn Bridge, der Williamsburg Bridge.

Doch in die Tiefe blickend, springen wollend, verkrampfte ich mich. Ich klammerte mich ans Geländer, als wollte mich jemand hinunter-stossen. Mir fiel der Kollege ein, der sich als 25-jähriger vor den Zug geworfen hatte. Beim Gedanken an diese Variante schüttelte es mich. Ich konnte mir nicht vor­stellen, dass jemand, der so etwas tut, jemals ein guter Mensch gewesen sein konnte. Und mit Tabletten kann­te ich mich nicht aus. Und vom Pulsadern aufschneiden wusste ich nur, dass unbedingt längs oder noch besser diagonal zur Ader geschnitten werden muss.

Schliesslich begnügte ich mich damit, weiterzuleben. Aber ich wollte es darauf ankommen lassen. Wenn schon das Leben nicht beenden, dann es wenigstens aufs Spiel setzen. - Ich blieb in New York, New York war meine Chance.
Ich trieb mich herum, strich nächtelang durch Parks; meistens dem East-River entlang, wo's still war und men­schenleer. Die Jogger, denen man tagsüber massenhaft begegnete, zogen sich nach Sonnenuntergang fluchtar­tig zurück. Sie hatten Angst, ermordet zu werden.


Ich starrte jede Frau an, blickte ihr hemmungslos nach. Ich schaute Liebespaaren zu. Ich schaute zu, wie die Leute assen, geiferten, sich den Mund wischten. Ich schaute zu, wenn sich jemand auf der Strasse erbrach. Ich schaute und hörte zu, wenn die Leute sich anschrien, weinten, vor sich hin plapperten. Ich blickte jenen über die Schulter, die vor den Computerspiel-Automaten standen und hebelten und drückten. Auf dem Gehsteig vor dem Rakka-Cafe spielte ein kleiner Bub immer das gleiche Spiel der sich bekriegenden Roboter. Achja, das Rakka-Cafe.


Ein schmaler Raum mit sechs Tischen. Die Wände sind mit Palästinensertüchern, Körben und Kalender­bildern eines syrischen Reisebüros verhängt. Hinten eine Vitrine mit vegetarischen Middle-East-Spezialitäten. Das Lokal ist leer, abgesehen von zwei Männern, die sich auf arabisch unterhalten. Geschäftsleute, aber zu gut angezogen für den schäbigen Raum. Es seien die Besitzer des Restaurants, sagt der Koch hinter der Vi­trine, ein Brasilianer. Die Männer gehen, die vegetari­sche Platte kommt. Aus einem Hinterraum pfeilt eine Katze mit einer jungen Maus hervor. Die Maus piepst und zappelt und windet sich in der Schnauze der Katze. In der Mitte des Lokals lässt die Katze sie eine Weile los, um ihr gleich wieder mit der Pfote einen Schlag zu versetzten. Je schwächer die Maus wird, desto länger lässt die Katze sie frei.

Die Maus wird kreuz und quer durch den Raum ge­schoben. In der Mitte des Raums hakt die Katze mit der Kralle ins Fleisch der Maus und schleudert das immer noch piepsende, zuckende Häufchen im hohen Bogen durch die Luft. Ich bin der einzige Zuschauer. Erst jetzt bemerkt auch der Koch, was vor sich geht. Er wirft mir einen halb amüsierten, halb verlegenen Blick zu, ent­schuldigt sich für den Zwischenfall. „It's a game", sagt er. Wir sind uns darüber einig, dass sie ein grausames Spiel betreibt. Schliesslich beginnt die Katze unter meinem Stuhl die Maus zu verzehren. Das wird dem Koch (man bedenke: ein vegetarisches Restaurant) nun doch etwas zu viel. Er kommt mit dem Besen, sagt gelassen „The game is over", wischt der Katze die Beute aus den Pfoten. Er befördert die Maus zur Türe und schwupp fliegt sie auf die Strasse.

Die Katze ist wie gelähmt. Eine Weile starrt sie auf den Fleck, wo ihr die Maus entrissen wurde, dann schnuppert sie den ganzen Raum ab, sucht überall dort, wo sie mit der Maus vorhin gespielt hat, bis zur Tür, wo die Spur nicht mehr weiter geht. Dann rennt sie im Kreis herum, als wollte sie sich in den Schwanz beissen, bleibt stehen, hustet, würgt; ihr Magen dreht sich, als müsse sie kotzen. Als hätte sie überlegt, als hätte ihr Instinkt überlegt: wenn die Beute verschwunden ist, habe ich sie vielleicht schon gegessen, also lass ich sie wieder her­aus. Doch es geht nicht.
The game is over flimmert es auf dem Monitor der Spielmaschine. Der kleine Bub wird von seinem Vater, einem Italiener, abgeholt.


Was ist mit meinem verdammten Game?
Ich ging meilenweit zu Fuss, und es war mir alles egal. Die Gleichgültigkeit erregte mich. Ich genoss es, mich treiben zu lassen. Mein Leben war schon weit weg. Ich konnte nicht begreifen, warum ich es einmal ernst ge­nommen hatte.
Mit der Zeit bemerkte ich, dass ich den Leuten Angst machte. Sie wichen mir aus, wechselten meinetwegen.... Bestellen per E-MAil

 

Getrieben von seiner ihm unerträglich gewordenen, ihn ausgrenzenden Krankheit, sucht der Held der ersten Erzählung, den es auf der vergeblichen Suche nach Hilfe ins New York der Achtziger Jahre verschlagen hat, nach einer Gele­genheit sich umzubringen. Wie am Vorabend des Jüngsten Tages ziehen wir mit ihm durch die monströse Grossstadt, die trotz Hamburgers reportagenhaft knappem Ton unge­heuer prall, in einer wahnwitzigen Dichte daherkommt: Strassenzüge am Brodeln, Herzen kurz vor dem Zerbrechen, Körper als Minenfelder - New York subkutan. Hamburgers desperado hat die Quartiere der Weinerlichkeit schon längst hinter sich gelassen und ist bei einer schneidenden, finalen Komik angelangt. Wir begegnen mit ihm all den Galgenvögeln, Hustlern, Spannern, Einbrechern, chantenden Buddhisten, Künstlern - und seiner Herzdame Reiko. Von dieser wird er dann aber wie von allen andern plötzlich getrennt und auf überraschende, auch ernüchternde Weise erneut verurteilt zum Leben.

In drei Anläufen erzählt Martin Hamburger drei Geschichten, die eigentlich die gleiche sein könnten; mit Figuren, die sich überschneiden, oder - der Autor lässt es offen -Zum Teil vielleicht sogar identisch sind: Seelisch Tätowierte, Randständige, die gefährlich grosse Hoffnung in sich tragen und deren gesammelter Mut eruptiv zum Ausbruch kommen kann. Es sind Gezeichnete wie der namenlose Ich-Erzähler in New York; für plötzlichen Mut Anfällige wie der auf einmal gar nicht mehr so mausgraue Lüscher in der zweiten Erzählung, die in der sich auflösenden DDR spielt; ewige Adoleszenten, die nach Erlösung und Reinheit streben wie Paul, der Späthippie und Woodstock-Veteran, Dichter ohne Werk im letzten Text.

Alle drei Erzählungen handeln von eisernen Vorhängen um Menschen und Länder; von schwärenden Beulen, Illusionen und Lügen; von Menschen, die nicht in die Zeit, von Zeiten, die nicht in die Menschen passen; von Wellen, die Hungernde zu Fall bringen; von Menschen, die sich immer wieder abhanden kommen müssen, um nicht gänzlich zu erstarren - aber auch von aufbrechenden Rändern, vom Wind, vom Licht.
Roland Heer <<ZURÜCK